Damals & heute: ein Wochenende in Magdeburg

Ein Spaziergang durch Magdeburg

Anfang Oktober ging es für 2 Tage nach Magdeburg. Soweit, so gut. Warum nun gerade in die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts? Gründe zum Entdecken neuer Städte gibt’s ja immer & auch nicht wenige, aber in diesem Falle war der Hauptgrund meine 95-jährige Oma. Denn die hochbetagte Dame ist gebürtige Magdeburgerin und – Asche auf mein Haupt – zu meinem Erschrecken musste ich feststellen, dass ich ihre Heimat bis vor kurzem nicht „wirklich“ kannte („wirklich“ soll heißen, dass ich als Kind natürlich schon mal da gewesen war, aber schlichtweg ohne Interesse – wie das mit Kindern eben manchmal so ist).

Und mit dem Aufschieben ist es ja immer so eine Sache, denn die Frage – wenn man dann knapp ein Jahrhundert alt ist – ist ja nicht nur jene, wie viel Zeit einem noch verbleibt, sondern auch die, was die Zeit überhaupt noch an Erinnerungen zu lässt.

Und ja, verschieben wir nicht alle viel zu gern gewisse Dinge, die uns eigentlich wichtig sind? Und das Schlimmste daran ist, dass wir uns eines Tages ärgern werden, wenn wir die Dinge dann nicht mehr aufschieben wollen, sondern endlich im Begriff sind sie anzugehen. Doch gerade dann ist es oft bereits zu spät. In diesem Sinne ist dieser Beitrag nicht nur ein Spaziergang durch Magdeburg, sondern auch ein Plädoyer dafür, dass wir unseren inneren Aufschiebe-Schweinehund bekämpfen sollten, um die Dinge, die uns sinnvoll erscheinen wirklich in Angriff zu nehmen – solange uns dies noch möglich ist.

„Familiengeschichte“ bzw. sich auf die Reise nach den eigenen Wurzeln zu begeben ist ja eigentlich auch eine angenehme Sache und auf vielen Ebenen aufschlussreich & unterhaltsam. Na ja – unterhaltsam ist Familie ja eigentlich immer…!

Ich bin jedenfalls froh, mit meiner 95-jährigen Oma Ruth diese Reise in die Vergangenheit gemacht zu haben.

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Horse Gate (Pferdetor) in Rotehornpark in Magdeburg

Der 90 Jahres Rückblick auf die Ottostadt

Die erste Station unserer Reise in die heutige „Ottostadt“ ging an den Adolf-Mittag-See. Und jetzt muss ich noch mal kurz zurück springen …Ottostadt? Genau. Denn die knapp ein Viertel Millionen Stadt an der Elbe schmückt sich seit 2010 mit dem hübschen Beinamen „Otto“. Denn sowohl der erste römisch-deutsche Kaiser Otto der Große als auch Otto von Guericke, der große Erfinder, haben die Geschichte und Geschicke Magdeburgs geprägt. Man kann den Spuren der beiden Persönlichkeiten noch heute in der Stadt folgen. Es bleibt also zu hoffen, dass die beiden Ottos Magdeburg nicht nur zu vergangenen Zeiten weit über die Grenzen hinaus bekannt gemacht haben, sondern das auch noch im 21. Jahrhundert marketingtechnisch schaffen werden! Gegönnt sei’s dem Städtchen an der Elbe auf jeden Fall!

Nun aber zurück zu unsere ersten Station – dem AdolfMittagSee. Der Adolf-Mittag-See ist ein künstlich geschaffener See im hübschen grünen Magdeburger Stadtpark Rotehorn. Seinen Namen verdankt der Adolf-Mittag-See natürlich seinem Stifter, dem Kaufmann Adolf Mittag. Das Schöne an dem Gewässer ist, dass sich im südlichen Abschnitt des Sees eine kleine Insel befindet, die Marieninsel (natürlich benannt und gedacht des „Schöpfers“ Gemahlin), die man über eine Holzbrücke erreicht. Neben einem tollen Ausblick bietet das auch noch den Vorteil, dass man den „halben“ See relativ schnell umrunden kann, wenn einem Kraft oder Muße für den ganzen Rundgang fehlen : )

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View of Magdeburg Rotehorn Park

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Marieninsel with the Temple of Venus

Der Adolf-Mittag-See ist ein beliebtes Ausflugsziel der Magdeburger – und das nicht erst seit gestern. Denn wie mir meine Oma bei Erreichen des Sees – ein wenig außer Puste, auf ihren Rolli gestützt – erzählt, war er das auch schon damals. Damals bezieht sich hier auf die goldenen Zwanziger und Dreißigerjahre, denn meine Oma ist 1921 in Magdeburg geboren. Sie erzählt mir, dass sie schon als Kind mit ihren Eltern auf dem See gerudert ist. Von ihrem damaligen Zuhause im Niemöller-Privatweg spazierte die Familie an den Wochenenden öfters in den Stadtpark an den See. Schon eine ziemlich faszinierende Sache, wenn man heute – gute 90 Jahre später – über den See blickt und zusieht wie die Familien mit Booten über den See rudern, bummeln und dabei vereinzelt die strahlenden Oktober-Sonnenstrahlen einfangen. Genau das, das taten sie an diesem Örtchen ziemlich ähnlich auch schon vor einem knappen Jahrhundert, doch dazwischen – zwischen dieser Idylle und Friedlichkeit – liegen ein Weltkrieg, eine „Europäische Union“, ein geteiltes Deutschland, eine digitale Revolution und so Einiges mehr an Geschehnissen hierzulande. Wie muss das also auf einen Menschen wirken, an dem in einem ja doch so lang erscheinendem Leben so viel „Neues“ und wahrscheinlich auch mittlerweile viel „Unbegreifbares“ vorbeigezogen ist, nun plötzlich wieder an einen Ort zurückzukehren, an die grüne Oase der Stadt, wo soviel Erinnerungen liegen? Und sich im Vergleich zu vielen anderen Dingen & Orten, doch nur wenig geändert hat?!

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Lake Adolf-Mittag-See at Rotehornpark

Doch darauf antwortet meine Oma nicht. Verwundert starrt sie lange auf einen betonierten Platz mit steinerner Terrasse und Treppe vor dem See. Sie überlegt. Irgendwas scheint zu fehlen. Und plötzlich leuchten ihre Augen auf, sie scheint sich zu erinnern. „Das Café Brandt war hier, ja – das war genau hier. Eine gute Adresse in Magdeburg.“ Sie lächelt kurz und versinkt wieder in Gedanken. Kommt sie nun zurück die Erinnerung? So leicht scheint das nicht zu sein. Für unsereins vielleicht schwer zu verstehen, doch das Vergessen gehört nun mal zum Altern dazu – denn ums einmal geradeaus zu sagen: das Gehirn schrumpft. Vielleicht ist das ja ein guter Schutzmechanismus im Leben nicht zu viele offene und verwachsene Wunden mit sich herum tragen zu müssen – etwas positives muss man dem Ganzen ja schließlich abgewinnen können. Doch unsereins fällt es schwer. Ich schaue sie an. Für ihre 95 Jahre hat die alte Frau wenig Falten im Gesicht, man sieht ihr das hohe Alter nicht an, vielleicht auch, weil man dem äußeren Alterungsprozess über Jahre zu sieht und ihn nur schleichend bemerkt. Doch wie es im Inneren aussieht, das sehen wir leider (oder zum Glück!) nicht. Der geistige Abbau bleibt dem Auge verborgen – und daher fällt es uns umso schwerer ihn zu verstehen. Doch er ist da.

Ich bohre weiter. Und siehe da – da kommt auch noch was. Sie fängt wieder an zu erzählen und ich meine einen verschmitzten Blick aus ihren Augen abzulesen. Sie erzählt, dass sie als junges Mädchen gerne ins Café Brandt zum Tanzen gegangen ist. Dann herrscht Stille. Ich bohre weiter. Nach einer Weile erzählt sie mir, dass sie damals wohl 18 Jahre alt gewesen sein muss. Sie erinnert sich an einen Abend, in der sie und ihre Freundin mal wieder im Café waren und tanzten. Meine Oma liebte es zu tanzen. An diesem Abend trafen die beiden Mädchen auch auf zwei Herren und tanzten lange mit ihnen. Als es dann spät wurde liefen sie durch den Park zurück und meine Oma erinnert sich, dass sie plötzlich allein mit dem Mann war. Er blieb stehen und schaute sie an. „Könntest du mich gern haben?“, fragte er sie dann… Meine Oma hält kurz inne und schüttelt den Kopf als wäre ich nun ihr Gegenüber – und nicht mehr ihre Enkeltochter!

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View of Magdeburg Rotehorn Park

Natürlich hab ich Nein gesagt“, gibt sie mir die Antwort auf die Frage, die ich ihr nicht gestellt habe. „Und weißt du was“, führt sie dann fort, „dann hat er mich einfach des Nachts im Park allein stehen gelassen und ist gegangen.“ Sie schaut mich empört an. Und plötzlich erscheint es als hätte sich die Szene erst gestern abgespielt und nicht vor mehr als 70 Jahren! Die Empörung steht ihr noch heute ins Gesicht geschrieben, wenn sie über diesen Abend spricht. Sie scheint sich kaum gelegt zu haben. Da war sie also plötzlich wieder da, die Erinnerung! Glasklar. Unverblümt.

Ich frage sie nach ihrer Freundin. „Die ist mit dem Anderen mitgegangen“, kommt eine kurze, gleichgültige Antwort. Ich bohre weiter und wieder. Doch dann kommt nichts mehr. Alles weg – die Erinnerung an ihre Freundin und wie die Geschichte nun weiter ging. Alles weg. Just in diesem Moment kreuzt ein Magdeburger unseren Weg. Wie fragen ihn nach dem alten Café Brandt und im Vorbeigehen sagt er nur schnell, dass es abgebrannt sei. Also kehren wir in einen Neubau schräg gegenüber vom ehemaligen Café Brandt, das Le Frog – eine Brasserie mit Biergarten am See – ein. Wir essen ein Stück Kuchen, der auch ziemlich gut schmeckt und genießen die vereinzelten Sonnenstrahlen, die der Oktober mit sich bringt.

Wenig später flanieren wir über den Breiten Weg, der Hauptgeschäftsstraße Magdeburgs, die in Nord-Süd-Richtung zwischen dem Magdeburger Universitätsplatz im Norden und dem Hasselbachplatz im Süden verläuft. Diese Straße galt einst aufgrund ihrer herrschaftlichen Häuser – dem Palais im Barockstil – als schönste Barockstraße Deutschlands. Doch viel scheint davon heute nicht mehr übrig geblieben zu sein.

Wieder dauert es ein Weilchen bis meine Oma zu reden anfängt, doch irgendwann sprudelt es nur so aus ihr hinaus. Sie erzählt mir, dass der Breite Weg zwischen Hasselbach Platz und „Kaiser-Wilhelm-Platz“ (heute: Universitätsplatz) einst die Flaniermeile Magdeburgs mit vielen Cafés und Geschäften war. Hier war sie in jungen Jahren mit Freundinnen mit der Straßenbahn hergefahren, um im Hozo, Café Peters oder im Magdeburg Schloss-Cafe tanzen zu gehen. „Doch dann wurde alles zerstört“, beendet sie plötzlich ihren Satz. Sie schaut sich um. Bleibt kurz stehen, dann läuft sie langsam weiter. Und dann sprudelt es nur so aus ihr heraus. „Magdeburg wurde im Krieg total zerstört! Und nein, nicht Magdeburg-Buckau, das griffen sie nicht an. Uns griffen sie an! Da, wo alle Fabriken standen…Gruson, Schäffer & Budenberg, Maschinenbau Wolf…, da wollten sie nicht hin. Sondern in die Innenstadt!“ Sie schaut mich fragend an – als warte sie auf eine Antwort. Dann wiederholt sie ihre Sätze. Einmal. Zweimal. Dreimal. Die letzten beiden Sätze beendet sie stets gleich – mit folgenden Worten: „Warum haben sie nicht die Fabriken zerstört, sondern uns angegriffen? Warum haben sie uns angegriffen?“

Ich schaue sie an und weiß nicht so recht was ich darauf antworten soll. Was antwortet man einer 95-jährigen Frau, die diesen Ort des Grauens und Schreckens selbst miterlebt hat? Die Wahrheit? Die kennt sie. Und die ist hässlich. Und wie antwortet man überhaupt? Mitfühlend? Oder doch eher nüchtern und sachlich? „Oma, das weißt du doch“, versuche ich mich. „Die Fabriken wollten sie doch gar nicht angreifen, es war ja schon kurz vor Kriegsende. Man wollte mit diesen Luftangriffen den Krieg schnell beenden und da treffen, wo es am meisten weh tat – die Innenstadt. Nürnberg, München, Magdeburg, Dresden, Berlin…das war ja überall so.“ Doch was rede ich da. Will sie denn wirklich eine Antwort? Es ist doch viel mehr eine rhetorische Frage, die sie mir da gestellt hat. Meine Oma hört mir gar nicht wirklich zu. Noch während ich rede, säuselt sie etwas… „Das war der 16. Januar 1945, fast vor Kriegsende! Der ganze Breite Weg war voll. Abends, noch vor 22.00 Uhr, da waren die Cafés voll besetzt. Da saßen die jungen Soldaten, die auf Urlaub da waren und ihre Bräute ausführten. Sie alle traf es. Da gab’s keine Warnung, nix!“ Meine Oma schaut mich mit entsetztem Blick an. Dann fährt sie fort. „Da kam das Signal der Vorwarnung und gleich darauf der Alarm, da konnten wir nirgendwo mehr hin. Ich war in Neustadt bei meinen Schwiegereltern. Doch alle Häuser brannten, wir konnten nicht mehr in den Bunker in der Lübecker Straße hinein. Wir flüchteten also unter die Eisenbahnbrücke in der Agnetenstraße.“

Ich betrachte meine Oma. Fragen über Fragen und wo sie doch so vieles nicht mehr weiß, so sitzt diese grausige Erinnerung doch so tief. Perfekt kann sie mir alle Straßennamen nennen und in diesen Momenten scheint sie hellwach. Und das nach über 70 Jahren! Dann schaut sie mich nicht mehr an, ihr Blick wirkt plötzlich starr, als schaue sie durch mich hindurch. Sie hält kurz inne, dann fährt sie fort. „Am nächsten Tag da wollte ich zu meiner Mutter und lief über den Breiten Weg. Es war schrecklich. Da lagen sie. Überall! Die Cafés, die waren doch alle voll besucht, weißt du!“, sie schaut mich wieder voller Empörung und Entsetzen an – mit diesem fragendem Blick nach dem „Warum“? „Da lagen sie alle – verkohlt vor den Türen der Cafés. Die hatten doch Phosphor ausgekippt. Phosphorbomben! Auf der Straße, da waren Pfützen, die hatten die Farbe wie Phosphor. Blau, gelb, na ja…wie Phosphor eben. Es brannte. Aber die Fabriken, die blieben alle stehen.“

Ich schaue mich um. Der Breite Weg heute. Eine Gruppe junger Eritreer kreuzt unseren Weg. Neubauten, ein Fischgeschäft, ein Einkaufszentrum – es ist eine geschäftige Straße, doch was ist geblieben von der so genannten barocken Prachtallee von einst? Wenig später lese ich nach, dass die Innenstadt Magdeburgs durch diesen besagten Luftangriff zu 90% zerstört wurde. 2.000 bis 2.500 Menschen verloren ihr Leben und der Breite Weg wurde fast komplett zerstört. Ich fühle mich beklemmt. Das war ein harter Brocken Geschichte – ein Teil der Geschichte meiner Oma, ein Teil Magdeburgs, ein Teil Deutschlands. Wir laufen weiter. Ich fühle mich erleichtert als plötzlich ein riesiges pinkes Gebäude vor uns auf dem Breiten Weg hervorlugt. Das ist Hundertwasser.

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The green Citadel of Magdeburg

Die Grüne Zitadelle von Magdeburg lässt mich sofort an meine Traumstadt Barcelona & Gaudí denken sowie die farbenfrohen Häuser Mexikos im wunderschönem Guanajuato. Nichts hätte die bedrückende Stimmung der vorhergehenden Gedanken besser brechen können als das letzte Werk Hundertwassers hier in Magdeburg. Seit 2005 prunkt die Grüne Zitadelle wahrlich unübersehbar am Breiten Weg. Es ist Friedensreich Hundertwassers Entwurf einer „Oase für Menschlichkeit und für die Natur in einem Meer von rationellen Häusern.“ Für den Künstler aus Wien symbolisierte dieser Bau die Symbiose von Architektur und dem Wohlbefinden der in ihr lebenden Menschen.

Mich fasziniert sein letztes Werk, welches das schöne ehemalige Hauptpostgebäude auf der gegenüberliegenden Seite völlig in den Schatten stellt, auf wundersame Weise. Hundertwassers Zitadelle ist massig, imposant und gleichzeitig wirkt sie harmonisch und einladend. Wir wissen gar nicht, wo wir unseren Rundgang des mächtigen Komplexes starten sollen und verlieren uns zuerst im Gebäudeinneren. Denn neben den rund 55 Wohnungen der Zitadelle verstecken sich im bunten Inneren neben den Büros auch Läden, Cafés und ein Hotel. Zwei Musiker spielen vor einem Café und dort lassen wir uns nieder, um ihnen zu lauschen. Unzählige Touristen ziehen durch die Zitadelle an uns vorbei, es ist trubelig, doch die Stimmung entspannt.

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The courtyard of the so-called ‚Green Citadel of Magdeburg‘

Wenig später steigen wir auf den Turm des Hundertwasser-Hauses. Während meine Oma den Fahrstuhl nimmt, laufe ich die Treppen hoch. Vorbei an schrägen Wänden, gewölbten Fenstern, wellenförmigen Böden und Treppenstufen mit bunten Mosaiken. Hundertwasser wollte weg vom Konventionellem – von harten geraden Linien und schnöden Farben. Ich fühle mich ein wenig wie in einem verwunschenem Märchenhaus der Neuzeit und luge durch eine Glastür auf eine grüne Terrasse mit Baum, die zu einer der Privatwohnungen gehört. Toll hier. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, ob es sich nicht lohnen würde hier einzuziehen – rein hypothetisch natürlich. Irgendwie wirkt die grüne Zitadelle so gemütlich, verspielt und friedlich auf mich. Doch dann verwerfe ich den Gedanken. Möchte ich wirklich jeden Tag unzählige Besucher vor meiner Glasscheibe haben, die mit großen Glubschaugen durch die hauseigenen Wände streifen und sich wie im Phantasialand fühlen? Auf Dauer wohl nicht.

Ich erreiche das Dach meines Turmes und genieße den Ausblick auf das grüne Innenleben der Zitadelle – der Mensch in Harmonie mit der Natur mitten in der Stadt. Hundertwasser hat es wahrhaftig geschafft diese Grundidee mit seinem Bauwerk umzusetzen.

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This is Friedensreich Hundertwassers’ “oasis for humanity and nature in a see of rational houses” on the city’s Breiten Weg road.

Auf dem Dach gibt’s einige Besucher, doch ich entspanne ein bisschen in einem blauen Korbstuhl und genieße die warmen Herbstsonnenstrahlen, die mich erreichen. Neben mir leuchten riesige goldene Kugeln und es wuchert grün.

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The golden globes that adorn the towers glow for miles around.

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View over the city of Magdeburg from the “GREEN CITADEL”

Ich mag diesen Ort sehr. Er wirkt harmonisch, anders, besonders. Schweren Herzens ziehe ich ein Weilchen später weiter – überzeugt davon, dass die Grüne Zitadelle eine echte Bereicherung für Magdeburgs Breiten Weg ist. Im Übrigen bejaht meine Oma mit ihren 95 Jahren diesen Gedanken, denn für sie war die Grüne Zitadelle in Magdeburg komplettes Neuland, doch es gefiel.

Nicht weit vom Hundertwasser Haus entfernt, erreichen wir den Domplatz. Der Dom ist nicht nur Wahrzeichen der Stadt, Grabkirche von Otto dem Großen und eine der frühesten gotischen Kathedralen Deutschlands, sondern auch der Ort, an dem meine Oma geheiratet hat.

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Magdeburg Cathedral is the oldest Gothic cathedral in the country.

Vor dem Domeingang beobachte ich wie eine Reisegruppe sich mit drei Obdachlosen in die Haare bekommt. Es ist laut und man meckert heftig. Ich mag die Stimmung nicht – bin ich doch gerade erst der Grünen Zitadelle, dem Ort der Harmonie, entwichen. Ich entscheide mich erstmal für eine Außenbesichtigung und laufe um die Kathedrale. Das lohnt sich wahrhaftig! Nicht nur, dass ich einen Blick auf die Bastion Cleve erhasche, dem südöstlichen Abschluss der ehemaligen Festung und Stadtmauer Magdeburgs, sondern ich finde erneut eine kleine grüne Oase. Diese stammt aber nicht von Hundertwasser, sondern es ist die begrünte äußere Fassade des Kreuzgangs des Magdeburger Doms. Hier verweile ich ein Weilchen und sympathisiere bereits jetzt mit dem Dom. Wenig später überzeugen mich dann auch sein imposantes Innenleben und der Kreuzgang selbst. Ich stelle mir vor wie es hier wohl vor über 70 Jahren ausgesehen haben muss als meine Oma am 14. Juli 1943 im Dom geheiratet hat.

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The beautiful courtyard of Magdeburgs Cathedral from the outside.

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The cathdral from the outside with Mr. Rokee.

Ich finde meine Oma auf einer der kühlen Bänke in der Kathedrale wieder. Sie sagt mir, dass sich hier nichts verändert habe. Wieder mal bohre ich ein wenig und will wissen wie das denn damals war. Denn eine Hochzeit ist ja zumeist ein freudiger Anlass und wenn sich nicht viel verändert hat, dann muss das ja in ihr just in diesem Moment besonders glückliche Erinnerungen hervorrufen. Doch ich täusche mich. Denn wie glücklich kann eine Kriegshochzeit schon sein? Und warum heiratet man überhaupt im Krieg und wartet nicht auf bessere Zeiten?

Meine Oma erzählt, dass es der Wunsch meines verstorbenen Opas Hans war „sich zu trauen.“ Er wollte meine Oma damit absichern und erhoffte sich, sie dadurch auch evakuieren zu können. Denn eine verheiratete Frau mit Kind hatte gute Chancen aufs Land zu kommen und das bombardierte Magdeburg zu verlassen. Am 18. Juni 1943 ging meine Oma schließlich zur Parteistelle, denn dort musste man ein Aufgebot machen, um zu heiraten. Bei Genehmigung gab es dann Urlaub für den Soldaten. Etwas stockend erzählt meine Oma weiter: „Als ich bei der Partei in der Raiffeisenstraße ankam, da bat mich der Beamte plötzlich in ein anderes Zimmer. Denn just an diesem Tag war die Nachricht an uns eingegangen, dass mein Vati am 9. Juni auf dem Truppenübungsplatz ums Leben gekommen war.“ Ich schaue meine Oma an. Ich kenne diese traurige Geschichte bereits. Doch wo ich nun im Dom stehe und nach der Hochzeit frage, da kommt mir das alles noch viel bildhafter, realer, erschütternder vor. Was muss das für eine persönliche Tragik in diesem schrecklichen Krieg gewesen sein, vor der eigenen Hochzeit zu erfahren, dass der von ihr so sehr geliebte Vater verstorben war? Man geht nichts ahnend zum Standesamt eines frohen Anlasses wegen und verlässt es mit dem Wissen um die eigene Tragödie. Ein Querschläger hatte den Vater bei einer Truppenübung im Bauch getroffen und er war verblutet. Meine Oma schaut etwas abwesend – ihr Blick ist leer. Sie fährt fort. „Ich wollte die Hochzeit verschieben, doch dann ging meine Schwiegermutter zu meiner Mutti. Sie sagte, dass man ja nie wisse, ob der Hans mal wieder kommen werde, daher sollte die Hochzeit doch bitte stattfinden. Schließlich hatte er dafür auch den Urlaub bewilligt bekommen.“ Die Hochzeit fand also statt. Doch ich frage nicht weiter, denn das war gewiss kein freudiger Anlass wie es sich ein glückliches Paar wünscht. Am Tag der Hochzeit kam schließlich der Nachlass vom Vater meiner Oma, darunter auch eine Kiste mit Zigaretten, gespart für die Hochzeit. „Mein Vati war ja im Gesangsverein gewesen und der Chor hatte immer gesungen, wenn von einem Kollegen die Tochter geheiratet hat. Er hatte mir gesagt, wenn du mal heiratest Ruth, dann singe ich solo.“ Doch dazu kam es nie. Es war eine Hochzeit inmitten eines Weltkrieges – (s)ein kleines tristes Spiegelbild – voller Tränen und Kummer, doch auch ein wenig Hoffnung. Auf meine Frage, was noch geschah und sie an diesem Tag nach der Trauung gemacht haben, antwortet meine Oma nicht. Es war ein sehr trauriger Tag, einzig der Worte des Pastors, der in seiner Ansprache dem geliebten Vater gedachte, erinnert sich meine Oma noch.

Wir verlassen die Kathedrale. Zuvor zündet meine Oma ein Lichtlein für die Verstorbenen an. Ich lasse einen letzten Blick in den Dom schweifen. Was können diese alten Gemäuer doch für tausende von Geschichten erzählen – Geschichten voll tiefer Trauer, Leid und Sorgen, doch auch voll von Leben, Freude und Glück. Genau das ist es, was die Gotteshäuser für mich zu magischen Orten macht. Orte voller Geschichten und Geheimnisse, von denen die kühlen Mauern Bände sprechen könnten, wenn sie es denn nur wirklich könnten. Und Magdeburg selbst? Das war den Besuch auf jeden Fall wert – eine Reise in die eigene Vergangenheit und auch Gegenwart – an einen Ort, der in den letzten 90 Jahren einige Veränderungen durch gemacht hat. Veränderungen in einem langen und bewegten Leben einer Stadt – und ihrer Bewohner.

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Meet the authors: Antje, Rokee & 95-year-old lady Ruth

 

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7 Gedanken zu “Damals & heute: ein Wochenende in Magdeburg

  1. so einfühlsam geschrieben. auch meine oma wäre heute 95 und wurde in magdeburg geboren. ich kenne diese geschichten von der zerstörung der Innenstadt genauso. dieser krieg hat generationen geprägt, aber scheinbar nicht gebrochen. meine oma starb vor 2 jahren. vielleicht haben sich ihre wege gekreuzt. beim tanzen vielleicht.
    danke an dich und deine oma.

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    1. Vielen Dank für deine Worte. Das gebe ich so auch an meine Oma weiter. Sie freut sich immer – gerade auch weil sie nun wohl die letzte aus ihrem damaligen Kreis ist, die noch am Leben ist. Vielleicht haben sich ihre Wege wirklich gekreuzt, wer weiß … : )

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      1. Danke Dir. Mal schauen, was meine Oma sagt, man weiß ja nie … allerdings sehe ich sie erst in 2 Wochen wieder. Aber die Welt ist manchmal klein und Magdeburg erst recht. Leider spielt aber die Erinnerung nicht mehr immer ganz mit. Aber es stimmt, ich kann froh sein, dass sie noch bei uns ist!

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    1. Lieben Dank Christina. Das mit deiner Oma tut mir sehr leid. Aber ja, ich bin sehr froh, dass ich diese Reise mit meiner Oma noch gemacht habe. Erinnerungen, die ich für später gerne mitnehme. Einen lieben Gruß, Antje

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